Soziotherapie auf dem Land: Wenn hoher Bedarf auf Skepsis trifft
Mit viel Aufbauarbeit etwa in der Qualifizierung ihrer Fachkräfte hat der Volkssolidarität Uecker-Randow e.V. im Osten Mecklenburg-Vorpommerns seit Jahren zwei gut funktionierende Angebote zur Begleitung und Sicherung sozialer Teilhabe von Menschen mit psychischen Erkrankungen geschaffen. Die Angebote „Ambulante Psychiatrische Pflege“ (APP) und „Soziotherapie“ in der dünn besiedelten Region an die Frau und den Mann zu bringen, bleibt trotzdem eine permanente Herausforderung.
Es sind Menschen mit den unterschiedlichsten psychischen Erkrankungen, die von den Angeboten APP (§ 37 SGB V) und Soziotherapie (§ 37a SGB V) profitieren. Voraussetzung zur Inanspruchnahme beider Hilfen ist ein Mindestalter von 18 Jahren und das Vorliegen einer F-Diagnose (psychische und Verhaltensstörungen nach dem ICD-Klassifikationssystem). Auch wenn beide Leistungen räumlich-organisatorisch aus ein und demselben Segment des Vereins heraus angeboten werden, das Pflegedienstleiterin Ivonne Blödow verantwortet, seien die beiden Angebote doch strikt getrennt voneinander zu betrachten. Das unterstreicht Vereins-Geschäftsführerin Heike Nitzke im Gespräch mit der Redaktion: „APP und Soziotherapie – das sind zwar beides Leistungen, die ärztlich verordnet werden und deren Kosten von den jeweiligen Krankenkassen getragen werden, doch ansonsten gibt es hier keine Überschneidungen – auch nicht bei uns in der Leistungserbringung.“
Personell wird dies auch darin deutlich, dass für den Pflegedienst APP und für die Soziotherapie qua Gesetz unterschiedliche Qualifikationen gefordert werden: APP als Leistung der Häuslichen Krankenpflege nach § 37 SGB V kann nur von Psychiatrischen Pflegefachkräften ausgeübt werden. Fachkräfte, die in der Soziotherapie nach § 37a SGB V eingesetzt werden, haben ein anderes Qualifikationsprofil zu erfüllen: Hier handelt es sich um Sozialpädagog:innen, Sozialarbeiter:innen oder Pflegekräfte mit Zusatzqualifikation Soziotherapie.
Bei der Volkssolidarität Uecker-Randow mit Sitz in der Kleinstadt Torgelow im Landkreis Vorpommern-Greifswald besteht das Team in der APP derzeit aus acht Fachkräften. Das Team der Soziotherapie bilden zwei Fachkräfte. „Sie glauben gar nicht, wie froh wir sind, diese Fachkräfte größtenteils schon sehr lange bei uns zu haben“, sagt Ivonne Blödow. Denn Menschen zu finden und zu halten, die die geforderten Qualifikationen aufweisen, sei „wirklich sehr schwierig“, sagt die Leiterin.
Weil das so ist, ist der Verein zunächst auch erstmal in Vorleistung gegangen. „Wir haben, um die APP anbieten zu können, verschiedenen Qualifizierungen einzelner Mitarbeitenden selbst getragen. Da kamen pro Person schnell mal 10.000 Euro zusammen“, blickt Geschäftsführerin Nitzke zurück. Deshalb sei sie froh, dass auch seit Jahren kaum Fluktuation in den Teams stattgefunden habe. Die Mitarbeitenden seien dem Verein „überaus treu. Das freut uns natürlich sehr. Und es ist auch ein zentraler Faktor, der uns unsere Leistungen überhaupt erst erfolgreich anbieten lässt.“

Bisweilen ist noch viel Aufklärungsarbeit erforderlich
Für beide Angebote – für die APP als auch für die Soziotherapie – gelte, dass gegenüber Kostenträgern, Ärzteschaft und Bevölkerung bisweilen noch viel Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit zu leisten sei. „Es kommt immer noch vor, dass der APP aus der Bevölkerung heraus angesprochen wird, ob er nicht auch klassische somatische Pflege mit übernehmen kann – und das ist natürlich überhaupt nicht unser Einsatzfeld mit diesem Angebot“, stellt Nitzke klar. „Mit der APP unterstützen wir Klienten in akuten, psychischen Krisensituationen. Bis zu vier Monate können wir mit der Leistung die Menschen bei sich zu Hause aufsuchen, um sie zu stabilisieren und ihre Kompetenzen zu fördern, damit sie wieder am sozialen Leben teilnehmen können“, ergänzt Ivonne Blödow. Die APP erfolge häufig bei Klient:innen nach Klinikaufenthalten, wenn sie als häuslich-aufsuchende Leistung etwa vom Sozialpsychiatrischen Dienst empfohlen und ärztlich verordnet wird.
Die Soziotherapie hingegen sei viel längerfristiger und kontinuierlicher angelegt als die APP. Blödow: „Bei der Soziotherapie reden wir von Zeiträumen von 2 bis 3 Jahren, in denen unsere Mitarbeitenden die betroffenen Menschen aufsuchen, mit ihnen gemeinsam Termine wahrnehmen, sie in Alltagsangelegenheiten unterstützen, mit ihnen gemeinsam trainieren und sie so langfristig stabilisieren.“ Das Ziel hierbei sei, die Selbstbestimmtheit der Menschen zu erhalten bzw. zurückzuerlangen und Rückfälle und erneute Krankenhausaufenthalte zu vermeiden.
Auch die Soziotherapie muss von Fachärztinnen und -ärzten (Psychotherapeut:innen, Psychiater:innen etc.) verordnet werden. Eine Verordnung deckt 30 Einheiten ab, die die Soziotherapeut:innen ableisten können. Manchmal suchen die Fachkräfte die Klient:innen wöchentlich einmal für eine Einheit auf, manchmal auch nur alle 14 Tage einmal, je nach Bedarf, erklärt Blödow. Nach diesem Einsatzraster versorgt ein Soziotherapeut oder eine Soziotherapeutin derzeit etwa 40 Klientinnen und Klienten. „Und der Bedarf ist eigentlich noch viel höher“, erklärt Geschäftsführerin Heike Nitzke. Sie weiß das zu beurteilen, weil sie in der Region auf 30 Jahre professionelle Arbeitserfahrung im Leistungssegment Sozialpsychiatrie und auf ein gewachsenes, enges Netzwerk mit Kliniken und anderen Dienstleistern in der Region zurückblicken und -greifen kann.
Dass beide Angebote in der ländlichen Region aufsuchend, also meist in der Häuslichkeit der einzelnen Klientinnen und Klienten, erfolgen, ist zugleich eine der Herausforderungen für den Träger. Denn für die Mitarbeitenden gehen die Entfernungen oft mit langen Anfahrtszeiten einher. Zugleich bedeuten die ländlichen Strukturen, dass das Angebot an verordnenden Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen überschaubar ist. Auch das erschwere die Leistungserbringung und verlängere die Wartezeiten für die Klient:innen, erklärt Nitzke. „Die Facharztpraxen sind hier dünn gesät und entsprechend überlastet.“ Gleiches gelte für die Angebote APP und Soziotherapie – und die Zahlen belegen dies: Denn in Mecklenburg-Vorpommern ist der Ambulante Psychiatrische Pflegedienst der Volkssolidarität in Torgelow einer von landesweit insgesamt lediglich vier solcher Angebote.
„Die Bürokratie macht die Menschen kaputt“
Weil die Strukturen regional so schwach wie oben beschrieben sind, sei die enge Zusammenarbeit mit den vorhandenen professionell Gleichgesinnten auch bitter notwendig, erklärt Nitzke. Denn nach wie vor seien psychische Erkrankungen und professionelle Hilfsangebote strukturell stark von Unkenntnis und Stigmatisierungen betroffen. „Das äußert sich darin, dass ärztliche Verordnungen etwa für Soziotherapie immer wieder auch von Kassen hinterfragt werden, obwohl ein Facharzt sie ja ausgestellt hat.“ Dann erfolgen weitere Rückfragen der Kasse an die jeweilige Arztpraxis. Dort ist die Arbeitsbelastung aber auch hoch. „Die Folge ist, dass es sich oft sehr in die Länge zieht, bis der Klient seine Leistungszusage erhält. Auf diese Art und Weise macht die Bürokratie die Menschen kaputt!“
Für einen Dienst wie den der Volksolidarität in Uecker-Randow bedeutet die beschriebene Skepsis und das Hinhalten im Bewilligungsprozess, dass die Mitarbeitenden oft trotzdem schon in die Betreuung der Menschen einsteigen, auch wenn die Leistung noch gar nicht bewilligt ist. „Das machen wir insbesondere dann, wenn wir sehen, dass es Betroffenen sehr schlecht geht. Wenn das Thema Suizidalität auch mit in den Fokus gerät. Dann können wir nicht anders“, beschreibt Ivonne Blödow das Dilemma, in dem ihre Teams sich dann wiederfinden.
Zum Lamento neigen die Verantwortlichen und Fachkräfte beim Verein Volkssolidarität Uecker-Randow in Torgelow dennoch nicht. Im Gegenteil. „Wir wissen, wie wichtig unsere Arbeit ist. Viele Beispiele aus der Praxis zeigen uns, dass wir Menschen in psychischen Krisen und bei psychischen Erkrankungen helfen können. Das bestärkt uns“, sagt Nitzke. Hinzu kommt das oben beschriebene starke lokale Netzwerk. Der gute Austausch mit einigen Fachkliniken und anderen Dienstleistern in Meck-Pomm sei hilfreich, auch schwierige Lagen zu überstehen. Der Austausch helfe und gebe Kraft. „Kraft braucht es immer wieder!“, sagt sie und beschreibt ein aktuelles Beispiel: So habe der APP jüngst fast drei Jahre mit den Kostenträgern um angemessene und tariftreue Leistungsentgelte verhandeln und auch streiten müssen – letztlich mit Erfolg. „Diese Leistungsentgelte brauchen wir auch. Wir haben stetig steigende Kosten. Unsere Mitarbeitenden sind mit Auto und Laptop unterwegs, um unsere Klientinnen und Klienten hier im ländlichen Raum aufzusuchen und mobil zu dokumentieren. Wir bieten hier sehr spezielle Dienste – mit denen wir die Kassen mittelfristig aber auch von Kosten entlasten. Und das muss man sehen!“
Mehr Infos zum Verein und zum Angebot: https://vs-uer.de/ambulanter-psychiatrischer-pflegedienst/
Aus der BeWoPlaner-Redaktion
Text: Darren Klingbeil
Fotos: Volkssolidarität Uecker-Randow e.V.


