„Betroffenen Mut machen, das Gespräch mit uns zu suchen“

Der Caritasverband Bottrop e.V. hat viel Erfahrung mit Beratungsangeboten für Menschen in unterschiedlichsten, herausfordernden Lebenslagen. Ein neues Beratungsprojekt soll Menschen in psychisch-sozialen Stress-Situationen erreichen und auffangen, bevor sie in eine kritische Lage geraten. Warum es so ein Präventionsangebot gerade in den hiesigen Zeiten braucht, schildern Projektverantwortliche im Interview mit dem BeWoPlaner-Magazin.
Interview: Darren Klingbeil
Verantwortlich für Konzeption und Aufbau des neuen psychosozialen Beratungsangebots des Caritasverbands Bottrop sind Bettina Beusing, Dipl.-Sozialarbeiterin und Fachbereichsleiterin, und die Psychologin (B. Sc.) Anne Huxel. Das Angebot soll künftig sowohl face-to-face als auch online erreichbar sein. Es zielt darauf, Menschen zu unterstützen, lebenspraktische Fähigkeiten wiederzuerlangen bzw. weiterzuentwickeln. Die Beratung soll somit präventiv der Gefahr entgegenwirken, dass Zustände sich verschlechtern oder chronifizieren. Dieser Ansatz entspreche auch dem Selbstverständnis des Verbandes, sagen Beusing und Huxel. Dem Selbstverständnis nämlich, „gesellschaftliche Entwicklungen frühzeitig wahrzunehmen und eigene Angebote an sich verändernde Bedürfnisse anzupassen“.
Wie genau wird das Angebot heißen, und mit welchem Personalschlüssel und mit welchen Professionen werden Sie es ausstatten?
Beusing: Der Name des Projekts wird noch nicht verraten! Wir planen aktuell, eine Mitarbeiterin mit einem Bachelor in Psychologie – zunächst mit einer Viertelstelle – einzusetzen. Aufgrund ihrer Erfahrungen in der momentanen Beratung ist die Idee überhaupt erst entstanden.
An welchem Punkt des Aufbaus des neuen Angebots stehen Sie jetzt, Mitte Februar 2026 – was ist geschafft, welche Schritte müssen noch gegangen werden bis zum Start des Angebots?
Beusing: Wir haben einen Projektantrag fertiggestellt und bei einer Stiftung eingereicht. Wir warten nur noch auf die Bewilligung, um dann direkt zu starten. Glücklicherweise sind ja keine großen Vorbereitungen für eine face-to-face Begegnung vonnöten und die Räumlichkeiten hier sind ideal. Was die Pläne für Online-Videoformate betrifft, so sind noch technische und administrative Dinge etwa hinsichtlich Datenschutzkonformität, Fortbildung der Mitarbeiterin zu dieser Beratungsform etc. zu regeln.
Was ist der Antrieb, diese neue Leistung jetzt aufzubauen – welches Selbstverständnis des Verbandes liegt diesem Engagement zugrunde?
Huxel: Immer wieder berichten unsere Klientinnen und Klienten von psychischen Belastungen, die durch soziale und wirtschaftliche Umstände ausgelöst werden. So führt eine Erwerbsunfähigkeit oder der Verlust des Arbeitsplatzes häufig zur Isolation und nicht selten entwickeln sich daraus depressive Zustände. Unserer Erfahrung nach sind die bestehenden Hilfesysteme augenblicklich nicht nur massiv überlastet, sondern auch für unsere Klientel besonders schwer zugänglich. Sprachprobleme, Unkenntnis, Scham, mangelndes Durchsetzungsvermögen spielen bei dieser Personengruppe eine große Rolle. Daher möchte die Caritas Bottrop dieser Not mit einem niederschwelligen, zeitnahen und flexiblen Angebot psychosozialer Beratung begegnen.
Beusing: Im Gegensatz zu klassischer Ehe-, Familien- und Lebensberatung, die von jeher auch von der Caritas angeboten wird, soll das neue Projekt den Schwerpunkt auf die Wiederherstellung und die Entwicklung von lebenspraktischen Fähigkeiten legen und so präventiv der Verschlechterung oder Chronifizierung von Zuständen entgegenwirken. Dies entspricht dem Selbstverständnis des Verbandes, gesellschaftliche Entwicklungen frühzeitig wahrzunehmen und eigene Angebote an sich verändernde Bedürfnisse anzupassen, und ganz grundsätzlich natürlich dem Bedürfnis, Menschen zu helfen, die durch das Raster fallen.
Was sind Ihrer Erfahrung nach die maßgeblichen gesellschaftlichen Auslöser, die als psychische Stressoren zunehmend auf die Menschen, die Sie erreichen wollen, einwirken?
Huxel: Unser Klientel ist besonders vulnerabel. Wirtschaftskrise, Mangel an günstigem Wohnraum, unsichere Zukunftsaussichten, sich verschärfende gesellschaftliche Konflikte schlagen unmittelbar negativ auf das allgemeine Lebensgefühl durch. Bestehen dann noch psychische Vorbelastungen, ist die Krise nicht weit.

Welche Klienten-Gruppen haben Sie vor dem Auge? Welche Menschen in welchen Lebenslagen wollen Sie erreichen?
Huxel: Wir möchten Menschen mit psychischen Belastungen erreichen, die noch nicht an einer diagnosefähigen psychischen Erkrankung leiden, aber dennoch Hilfe benötigen und Schwierigkeiten haben, weil sie nicht in klassische Hilfesysteme passen.
Psychische Erkrankungen bergen nach wie vor ein hohes Potenzial an sozialer Stigmatisierung und Ausgrenzung. Wie wollen Sie hier mit dem Angebot entgegenwirken?
Beusing: Das ist, wie schon beschrieben, nicht unser explizites Anliegen. Es geht darum, durch gezielte Informationen zu unserem Angebot, den Betroffenen Mut zu machen, das Gespräch mit uns zu suchen. Unserer Auffassung nach kann dadurch, dass mehr Menschen erreicht werden und von psychosozialer Beratung profitieren, implizit möglicher Stigmatisierung entgegengewirkt werden.
Welche sozialen, medizinischen Folgen – wie Wohnungsverlust, Job-Verlust, Verlust von Familie und sozialen Netzwerken etc. und zusätzliche somatische Erkrankungen – gehen mit psychischen Krisen bzw. Erkrankungen einher? Und wie schafft man es, den Menschen wieder Halt zu geben?
Huxel: Die gravierendsten sozialen Folgen sind in ihrer Fragestellung schon beschrieben. Wobei es wichtig ist zu betonen, dass die Folgen auch umgekehrt die Ursachen der psychischen Belastungen sein können. Insgesamt gibt es komplexe Wechselwirkungen zwischen sozialen, psychischen und somatischen Bedingungen und Auswirkungen. Es wird daher in der Beratung darum gehen, die jeweils individuelle Geschichte „zu erzählen“, also nach dem Aufbau eines tragfähigen Vertrauensverhältnisses, mit ausreichend Zeit über mehrere Termine, einen Raum zu bieten, sich selbst besser und oft erstmals zu verstehen. Mit diesem Verständnis für die eigene Geschichte und so auch für die Gründe der aktuellen Situation, ist nicht nur eine große emotionale Entlastung verbunden, sondern darin liegt ebenso der Keim der Veränderung verborgen.
Wird das Angebot eher niedrigschwellig und aufsuchend sein – oder findet es in Räumen des Verbandes statt?
Beusing: Niederschwelligkeit werden wir durch passgenaue Informationen und technische Angebote herstellen. So planen wir, Online-Gespräche per Zoom o.ä. anzubieten, oder auch telefonische Beratungen, um physische Hürden auszugleichen. Bei Bedarf würden wir auch dafür sorgen, dass auf Seiten der Klientel die Voraussetzungen zur Nutzung des Angebots installiert werden. In der Regel soll die Beratung aber in unseren Räumlichkeiten stattfinden.
Wie wird die Finanzierung des neuen Angebots sichergestellt werden – welche Möglichkeiten wollen Sie hierbei nutzen?
Beusing: Für den Anschub und den Aufbau haben wird eine 90%-Förderung durch eine lokale Stiftung beantragt. Der Rest wird durch Eigenmittel gedeckt.
Ist es generell eine Herausforderung für den Verband, geeignetes Personal für so ein neues Angebot – und für bestehende Angebote natürlich auch – zu finden? Die Arbeit für die Kolleg:innen wird in den hiesigen herausfordernden Zeiten sicher nicht leichter.
Beusing: Das Thema Fachkräftegewinnung spielt auch bei uns im Verband eine immer größer werdende Rolle. Es ist uns ein Anliegen, dass die Mitarbeitenden mit Sachverstand und Herz tätig werden und zwar mit ihren speziellen Stärken und Kompetenzen. Idealerweise matcht es direkt beim Einstieg oder es entwickeln sich Spezialisierungen, die wir gerne fördern. Im Fall unseres neuen Beratungsprojekts haben wir den Vorteil, dass wir die Mitarbeiterin bereits aus einem vorherigen, befristeten Projekt kennen und schätzen lernen durften. So wird sie ganz sicher ein Gewinn für unser neues Angebot und für uns!
Mit welchen Angeboten halten Sie Ihre Mitarbeitenden und wie kompensieren Sie deren Arbeitsbelastungen?
Beusing: Neben dem passgenauen Einsatzort für die Mitarbeitenden, in denen sie sich entfalten und wachsen können, spielt eine respektvolle und wohlwollende Kommunikation eine große Rolle. Fehlertoleranz, Ehrlichkeit und Offenheit schaffen ein gutes Arbeitsklima, das essentiell, gerade auch in herausfordernden Arbeitssituationen, ist. Neben Teamgesprächen, Supervision, kollegialen Fallberatungen steht die Tür zur Vorgesetzten immer offen, so dass Schwierigkeiten oder belastende Situationen schnell besprochen und Lösungen gemeinsam gesucht werden können.
Huxel: Darüber hinaus bietet die Caritas im Rahmen der AVR neben dem Erholungsurlaub, Regenerationstage an, die Möglichkeit, sich weiterzubilden, es gibt ein Gesundheitsmanagement mit gezielten Entlastungsangeboten und weitere soziale und religiöse Angebote.
Daten & Fakten zum Caritasverband Bottrop:
Im Caritasverband für die Stadt Bottrop e.V. sind aktuell rund 800 Mitarbeitende beschäftigt, aufgeteilt auf die Fachbereiche Beratung, Arbeit und Sozialraum/Psychosoziale Gesundheit/ Senioren und Pflege/Kinder, Jugend und Familie sowie Zentrale Dienste. Schwerpunkte der Beratungsarbeit liegen in den Bereichen Migration, Soziotherapie, Betreutes Wohnen, Arbeitsförderung, Erziehungs- und Lebensberatung, Familienhilfe, Allgemeine Sozialberatung etc. – aus diesen Bereichen heraus wird eine verzahnte Verweisberatung zum neuen Angebot erfolgen.
Info: www.caritas-bottrop.de
Spendenkonto: Caritasverband für die Stadt Bottrop e.V., Sparkasse Bottrop, IBAN: DE48424512200000004176, Swift-BIC: WELADED1BOT
Aus der BeWoPlaner-Redaktion
Interview: Darren Klingbeil
Fotos: Caritas Bottrop, Christian Becker

