Im Einsatz für Menschen, die niemand haben möchte

Serie Praxisporträt: Fokus Teilhabe, Teil 4

Das „Ambulant Betreute Wohnen“ (BeWo) ist eines der Angebote der 1985 gegründeten „aidshilfe dortmund e.V.“. Über Beratung und Begleitung verhilft es Drogen gebrauchenden und häufig psychisch erkrankten Menschen zurück in die Selbstständigkeit. Ein zunehmend herausforderndes Unterfangen – denn Stigmatisierung und soziale Ausgrenzung der betroffenen Menschen nehmen weiter zu.  

Als gemeinnütziger Träger der öffentlichen Gesundheitsförderung ist die Aidshilfe Dortmund schon seit Mitte der 1980er-Jahre der zentrale Ansprechpartner in der Stadt, wenn es um Belange rund um sexuelle Gesundheit, HIV/Aids und andere sexuell übertragbare Krankheiten geht. Neben Beratung und Präventionsangeboten zum Themencluster Prävention-HIV-Aids hat der Verein über die zurückliegenden Jahrzehnte weitere Kontakt- und Hilfsangebote wie etwa die Drogenhilfeeinrichtung „Kick“ oder das „caféplus“ als offenes Selbsthilfe- und Begegnungszentrum aufgebaut. Mit diesen erreicht er insbesondere: Drogen gebrauchende Menschen, Menschen, die unter psychischen Erkrankungen leiden, queere Menschen, sich prostituierende Menschen. „Viele unserer Besucher:innen haben es andernorts sehr schwer, überhaupt Hilfen zu erhalten. Meist will man sie einfach nicht haben“, fasst Katharina Schütten, Vorständin der aidshilfe dortmund und Leiterin des BeWo, mit wenigen Worten zusammen, was eines der Kernprobleme dieser Menschen ist: die stark ausgeprägte soziale Isolation, die erlebte Ablehnung ihrer Existenz und die massive gesellschaftliche Ausgrenzung, die sie erfahren.

Ziel: Stabilisation und Teilhabe

An diesem Punkt setzt das 2013 vom Träger gegründete Ambulant Betreute Wohnen an. Damals wurde den Vereinsverantwortlichen klar, dass es ein noch engmaschigeres Angebot braucht, um die Menschen, die etwa das „Kick“ und dessen Drogenkonsumraum oder die diversen anderen niedrigschwelligen Beratungs- und Freizeitangebote des Trägers aufsuchten, konkret dabei zu unterstützen, wieder Schritte zurück in ein selbstständiges Leben zu machen.

Die Betreuungsschwerpunkte des BeWo liegen auf Menschen mit einer Sucht und/oder psychischen Erkrankungen, insbesondere vulnerable Gruppen wie Akutgebraucher:innen von illegalen Substanzen werden angesprochen. Immer im Fokus seien auch Themen wie HIV und Hepatits C. Gleichzeitig sei das Angebot auch ein queerfreundlicher Dienst, betont Katharina Schütten, die dabei Grundhaltung und Handlungsleitlinien des BeWo-Teams unterstreicht: „Ein ganzheitliches und humanes Menschenbild ist uns in unserer Arbeit sehr wichtig. Hauptziel ist Stabilisation und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.“

Auch das BeWo ist vom Ansatz her ein niedrigschwelliges Angebot sozialer Arbeit. Denn es fußt zum einen auf Freiwilligkeit. Zum anderen handelt es sich um eine Leistung akzeptierender Sozial- und Drogenhilfearbeit. Das heißt, die Menschen, die das BeWo beanspruchen, müssen nicht zuerst dem Drogenkonsum abschwören, entgiften und clean sein. Sie können die Leistung auch dann in Anspruch nehmen, wenn sie weiterhin Drogen gebrauchen. Bestimmte Voraussetzungen gibt es aber doch für die, die das BeWo nutzen wollen – wie etwa die Notwendigkeit der Compliance (erbrachte Fachleistungen müssen z. B. von den Klient:innen abgezeichnet werden, Post geöffnet, abgesprochene Termine eingehalten werden, die Menschen müssen in Dortmund wohnen und gemeldet sein, sie müssen über 18 Jahre alt sein und ein Arzt/eine Ärztin müssen eine psychische Erkrankung und/oder eine chronische Suchtmittelabhängigkeit bestätigen).

Auch die Tatsache, dass vor Bewilligung der Leistung durch den Leistungsträger, den Landschaftsverband Westfalen Lippe (LWL), viele Fragen zu beantworten sind und gemeinsam ein Hilfeplan zu erstellen ist, setzt naturgemäß gewisse Schwellen bei der Inanspruchnahme des Angebots. In Summe sind dies Rahmenbedingungen und -konzeptionsmerkmale, welche die Aidshilfe Dortmund in die Situation versetzt, beim Angebot wirtschaftlich in Vorleistung gehen zu müssen. Ein Problem dabei sei, dass die bewilligten Fachleistungsstunden die Ausgaben des Trägers nicht auskömmlich refinanzierten, führt Vorständin Katharina Schütten aus. Denn die Arbeit insbesondere mit suchtkranken Menschen erfordere u. a. mehr Controlling und Mitarbeiter:innenentwicklung. „Die Arbeit ist herausfordernd und das starre Fachleistungsstundensystem ist nicht für die Ambivalenz der Erkrankung ausgelegt. Hier stoßen wir immer wieder an unsere Grenzen.“ Wenn Klient:innen in rückfällige oder depressiven Phasen rutschten, sei für diese Zeiten keine Finanzierung möglich oder nur im begrenzten Rahmen. „Als Träger ist man dann gezwungen, in Eigenleistung zu gehen oder die Klient:innen abzumelden, obwohl sie die Hilfe weiterhin brauchen“, sagt Schütten.

Armut und gesellschaftlicher Druck steigen

Die Menschen, die das BeWo in Anspruch nehmen, haben mit ganz unterschiedlichen Krankheiten zu kämpfen und sind von ganz unterschiedlichen Lebenslagen geprägt: Polytoxomanie, Sucht, Traumata, Psychosen etc. Was sie eint, ist ein großes Maß sozialer Ausgrenzung und mitunter Kriminalisierung, die sie täglich erfahren. Schütten: „Die Gefahr der sozialen Ausgrenzung ist sehr hoch. Ganz oft sind die Menschen, die zu uns in die Betreuung kommen, schon sozial isoliert. Drogen gebrauchende Menschen sind ja per se schon gesellschaftlich stigmatisiert und werden in ihren Bedürfnissen auch nicht wahrgenommen. Sie erleben sehr viel Ablehnung. Aber auch Menschen mit einer HIV-Erkrankung oder psychischen Erkrankung erleben das Gleiche.“

Und die Ausgrenzung nehme im Zuge einer sich „spürbar immer stärker spaltenden Gesellschaft“, in der die Schwächsten an den Rand gedrängt werden, immer weiter zu, meint Schütten. Die Folge sei ein tendenziell wachsender Bedarf. „Es wird gesellschaftlich immer schwieriger für unsere Besucher:innen. Es kommt immer mehr zu Diskriminierung und Stigmatisierung. Es wird immer mehr Druck auf Drogen gebrauchende Menschen aufgebaut. Es kommt vermehrt zu psychischen Erkrankungen und Doppeldiagnosen, und die Behandlungswege werden immer schwieriger, das Hilfeangebot ist verknappt. Entsprechend ist der Hilfebedarf groß und ansteigend.“ 

Hinzu komme, dass auch das Gesundheitssystem nicht hinreichend auf die Bedarfe, die die Menschen mitbringen, eingestellt sei. „Wenn man sechs, sieben Monate auf einen Termin beim Psychiater warten muss oder auf einen Therapieplatz, dann ist das ein sehr langer Zeitraum, den die meisten gar nicht überbrückt bekommen“, weiß Schütten. Die Sozialarbeiterin beschreibt dabei ein Gesamtszenario, das vom Druck auf die Leistungsempfänger aber auch auf die Leistungsanbieter, wie in diesem Fall die Aidshilfe Dortmund, gekennzeichnet ist: „Armut ist immer mehr ein Thema. Finanzierung ist immer mehr ein Thema. Und entsprechend haben wir auch immer mehr Menschen, die abstürzen oder drohen abzustürzen! So kumulieren die Problemlagen bei dieser sehr vulnerablen Gruppe von Menschen immer mehr. Das macht es immer herausfordernder – auch für uns.“ 

Erfolg misst sich in kleinen Schritten

Der Umfang, in dem Menschen im BeWo Betreuungsleistungen beanspruchen, beträgt wöchentlich durchschnittlich 2 bis 2,5 Fachleistungsstunden. Das BeWo-Team ist multiprofessionell aufgestellt. Es besteht aus Sozialarbeiter:innen, Erzieher:innen und Gesundheits-und Krankenpfleger:innen. Entsprechend kann es auch ganz unterschiedliche Betreuungs- und Hilfebedarfe abdecken. Die Leistungsvielfalt des BeWo beinhaltet u. a.: Hilfe und Unterstützung bei der Entwicklung beruflicher Perspektiven, bei Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, bei der Förderung der eigenen Gesundheit, beim Umgang mit suchtspezifischen Problemen, beim Umgang mit Ämtern und Behörden, bei der Bewältigung des Alltags (Haushaltsführung und Freizeitgestaltung), in akuten Krisen- oder Belastungssituationen etc. Die vielschichtige Betreuung erstreckt sich bei den meisten Klient:innen etwa über einen Zeitraum von fünf Jahren. Es gäbe auch Menschen, sagt Schütten, die seit Öffnung des Angebots in 2013 nach wie vor in der Betreuung sind.

Erfolge der Arbeit zeigten sich in vielen kleinen Schritten. Dass z. B. ein Drogen gebrauchender Mensch es schafft, Termine einzuhalten, oder dass jemand seine Post selbstständig öffnet, oder wenn ein Klient es am Ende der Betreuung schafft, Telefonate eigenständig zu führen mit einer Behörde – „das sind alles Erfolge für uns!“, sagt die BeWo-Leiterin. Es stehe also nicht immer das große Abstinenz-Ziel und die absolute Stabilität im Vordergrund. Vielmehr zählten „auch die kleinen Dinge, die dazu führen, dass Menschen wieder mehr eingegliedert sind und wieder mehr Selbstbewusstsein bekommen“. Selbstverständlich seien auch schon Menschen im BeWo gewesen, die wieder aus der Betreuung gehen „und komplett zurück im Leben sind“. Das betreffe aber eine Minderheit. Die Mehrheit der Menschen werde über einen längeren Zeitraum betreut, da gehe es um Stabilitätsbausteine und kleine Erfolge, wieder selbstständig zu werden.

Rückschläge gäbe es natürlich auch. „Wir bieten vom Ansatz her ja eine freiwillige und keine gesetzlich angeordnete Betreuung. Das heißt, die Betreuung funktioniert auch nur, wenn die Klient:innen mitmachen und mitarbeiten“, unterstreicht Katharina Schütten. Insbesondere bei Drogen gebrauchenden Menschen gäbe es immer auch wieder Situationen, wo rückfälliges Verhalten auftritt. Da würden dann den Sozialarbeitern auf einmal die Briefe nicht mehr gebracht oder Post werde nicht mehr geöffnet, oder das Geld für die Miete werde anderweitig ausgegeben. „Solche Situationen gibt es immer wieder. Da versuchen wir bestmöglich zu unterstützen und zu motivieren, weiter an den individuellen Zielen zu arbeiten. Und mal klappt das gut, mal weniger gut. Schütten: „Oft können wir Dinge durch unsere Intervention auch wieder kitten, weil wir die Behörden dann entsprechend ansprechen. Und die sind oft auch sehr froh, wenn wir uns einschalten.“

Das Thema Wohnraum: eine „Katastrophe“

Einige der Menschen, die die Angebote der Aidshilfe Dortmund in Anspruch nehmen, sind obdachlos oder von Obdachlosigkeit bedroht. Auch im BeWo gibt es Menschen, die in teils verheerenden Wohnsituationen leben – weil sie keine andere Bleibe finden. Das Thema Wohnraumangebot bzw. -suche sei schlicht „katastrophal“, weiß Schütten: „Wohnraum ist ja ohnehin schon Mangelware, auch für normalverdienende Menschen. Für jemanden, der Bürgergeld bezieht und aussieht wie er aussieht, weil er jahrelang Drogen konsumiert hat, der vielleicht in der Haft war, der mit Kriminalität Erfahrungen gemacht hat, für den ist es quasi unmöglich, eine Wohnung über den gängigen Weg zu kriegen.“  Hilfreich sei noch, dass der Verein zu ein paar Wohnungsgesellschaften guten Kontakt pflege, „so dass es manchmal auch eine Wohnung gibt, wenn wir über die Betreuung mit involviert sind“. Aber oft würden Vermieter die Situation auch „ausnutzen, und so leben unsere Klienten in ganz schlimmen Situationen, und wir kriegen die einfach nicht in eine bessere Wohnsituation, weil es schlicht kein Wohnangebot gibt“. Auch beim Wohnen zeige sich so wieder wie unter dem Brennglas das hohe Maß an Stigmatisierung, dem die Menschen ausgesetzt sind.

Ausblick: Lobbyarbeit und Nischenangebote ausbauen

Allen Herausforderungen und Widrigkeiten zum Trotz setzen sich die derzeit 105 Mitarbeitenden der Aidshilfe Dortmund weiter dafür ein, ein Beratungs- und Hilfeangebot auf die Beine zu stellen, das den betroffenen Menschen hilft, ihr Leben zu leben. Auch hier beschreiten die Akteur:innen einen Pfad der kleinen, aber wirkungsvollen Schritte: So wurde etwa 2024 im Austausch mit dem Rat der Stadt Dortmund erreicht, die Besuchszeiten der Drogenhilfeeinrichtung Kick, ein eng mit dem BeWo verzahntes Leistungsangebot, zu erweitern. Auch der Plan, künftig einen zweiten Konsumraum in der Stadt zu eröffnen, verfolgt der Verein weiter. „Ganz generell treibt uns weiter das Ziel an, Angebote für Menschen zu schaffen, die am Rande der Gesellschaft leben und diese aus der Isolation zu holen. Wir wollen eine Lobby für diese Menschen formulieren!“ Dazu zähle auch, Nischenangebote wie etwa das Projekt „neonlicht“ für männliche Sexarbeiter auszubauen. „Das sind zum Teil sehr kleine Zielgruppen. Und auch für diese Menschen werden wir uns weiter einsetzen – mit wachsendem Erfolg“, sagt Schütten.

Weitere Infos zum Verein auf dessen Homepage: www.aidshilfe-dortmund.de

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Aus der BeWoPlaner-Redaktion
Autor: Darren Klingbeil
Fotos: aidshilfe dortmund e.V.