Tagesstrukturierende Maßnahmen: Auf individuelle Interessen und Bedürfnisse eingehen.
Tagesstrukturierende Maßnahmen (TSM) für Menschen mit Behinderungen können vielfältig sein. Sie können im ambulanten oder stationären Rahmen stattfinden und orientieren sich an den individuellen Bedürfnissen und Interessen der Klient:innen. Die Arbeit mit TSM kann für Menschen mit Behinderungen und für die Mitarbeitenden eine Bereicherung sein, sagt Florian Dotzler, Werkstattleiter der Werkstätten für behinderte Menschen in Wernberg-Köblitz.
Was sind tagesstrukturierende Maßnahmen in der Behindertenhilfe und wozu dienen sie?
Florian Dotzler: Tagesstrukturierende Maßnahmen sind ein niederschwelliges Angebot für Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen oder psychischen Beeinträchtigungen. Sie sind vor allem für Klient:innen gedacht, die nicht fähig sind, in Werkstätten für behinderte Menschen zu arbeiten. Die Maßnahmen sollen die Betroffenen dabei unterstützen, ihren Tag zu planen und selbstbestimmter zu gestalten.
Dabei geht es nicht nur um Beschäftigung – auch das Miteinander ist wichtig. Also zum Beispiel, etwas in einer Gruppe zu machen, soziale Kontakte zu knüpfen oder aus der Einrichtung raus und unter Menschen zu gehen. Es kann aber auch darum gehen, Alltagsfähigkeiten zu üben, wie Einkaufen oder den Umgang mit Geld. Tagesstrukturierende Maßnahmen sollen den Klient:innen Struktur und Orientierung im Alltag geben und dadurch Sicherheit vermitteln. Und natürlich sollen sie auch Spaß machen.
Wie sehen die Maßnahmen bei Ihnen konkret aus?
Florian Dotzler: In unseren Einrichtungen sind die tagesstrukturierenden Maßnahmen an die Wohnform gekoppelt. Sie können aber für Externe auch ambulant in getrennten Räumlichkeiten stattfinden. Bei der Planung orientieren wir uns immer an den Bedürfnissen und Interessen der Bewohner:innen oder Klient:innen und holen sie dort ab, wo sie gerade stehen.
Die Maßnahmen können sehr unterschiedlich aussehen. Das können kreative Tätigkeiten sein, etwa Bilder zu malen, mit Ton zu arbeiten oder eine zur Jahreszeit passende Dekoration zu gestalten. Das können Angebote mit Bewegung und Sport sein. Es kann um alltagspraktische Tätigkeiten gehen, wie Einkaufen, hauswirtschaftliche Aufgaben oder Gartenarbeit. Auch einfache Arbeiten wie leichte Montagetätigkeiten oder eine Verpackungstätigkeit gehören dazu. Die Maßnahmen können in den Wohneinrichtungen oder auch außer Haus stattfinden.
Welche Aktivitäten gewählt werden und wieviel Zeit sie umfassen, richtet sich auch danach, welche Art der Behinderung vorliegt. Viele Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen brauchen den ganzen Tag Betreuuung, während bei Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen oft weniger zeitintensive Maßnahmen ausreichen. Einige Klient:innen entwickeln sich auch weiter und wechseln von tagesstrukturierenden Maßnahmen zu einer Arbeit in den Werkstätten für behinderte Menschen oder auf den freien Arbeitsmarkt. Solche Weiterentwicklungen sind ja unter anderem ein Ziel und positiv zu sehen.
Insgesamt sind der Kreativität bei tagesstrukturierenden Maßnahmen kaum Grenzen gesetzt. Sowohl Klient:innen als auch Mitarbeitende können dabei eigene Ideen einbringen. Die Arbeit mit TSM kann daher aus meiner Sicht für alle Beteiligten schön und bereichernd sein.
Inwieweit können Menschen mit Behinderungen selbst mitbestimmen?
Florian Dotzler: Wie erwähnt möchten wir die Klient:innen dort abholen, wo sie stehen und sie „mitnehmen“. Sie können bei der Gestaltung der TSM mitreden, eigene Wünsche einbringen und selbstbestimmt entscheiden, was sie machen möchten. Klient:innen und Mitarbeitende können dabei gemeinsam kreativ werden und überlegen, wie geeignete TSM aussehen können. Wichtig ist vor allem, dass die Maßnahmen den Klient:innen Spaß machen.
Bei Gruppenaktivitäten versuchen wir immer, etwas zu finden, was für alle Teilnehmer:innen passt. Wenn man die Klient:innen gut kennt, ist das fast immer möglich. Wenn jemand bei einer Gruppenaktivität gar nicht mitmachen möchte, gibt es aber auch die Möglichkeit, eine andere Aktivität für sie oder ihn zu finden.
Auch die Arbeit in Werkstätten für behinderte Menschen gehört im weiteren Sinne zur Tagessstruktur. Hier gibt es hier etwas klarere Vorgaben, weil die Betroffenen arbeitnehmerähnlich beschäftigt sind und daher Rechte und Pflichten haben. So sind etwa Pünktlichkeit und genaues Arbeiten wichtig. Aber auch in den Werkstätten gibt es keinen Druck und im Fokus steht, dass die Tätigkeit den Klient:innen Spaß macht.
Welche Hürden können bei der Umsetzung von TSM auftreten und wie kann man damit umgehen?
Florian Dotzler: In der täglichen Praxis mit den tagesstrukturierenden Maßnahmen können vor allem unregelmäßige Teilnahme, eine geringe Motivation, psychische Krisen oder auch Über- oder Unterforderung der Teilnehmenden vorkommen.
Wie geschildert, kann man mit flexiblen, individuell angepassten Angeboten mit klarer Struktur viel erreichen. Wichtig sind feste, verlässliche Abläufe und zugleich die Möglichkeit, auf Krisen oder Schwankungen reagieren zu können. Zusätzlich helfen enge Bezugspersonen, kleine, erreichbare Ziele, regelmäßige Gespräche und ein wertschätzender Umgang. All das kann dazu beitragen, die Motivation zu stabilisieren und eine Über- oder Unterforderung zu vermeiden.
Wohin kann jemand sich wenden, wenn sie oder er tagesstrukturierende Maßnahmen erhalten möchte?
Florian Dotzler: Tagesstrukturierende Angebote können im Rahmen der Eingliederungshilfe beantragt werden. Zuständig ist der jeweilige Träger der Eingliederungshilfe. Ob und in welchem Umfang Leistungen gewährt werden, wird im Rahmen eines Gesamtplanverfahrens zur individuellen Bedarfsermittlung geprüft.
Eine unabhängige Teilhabeberatung, zum Beispiel die Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB) kann Informationen vermitteln und bei der Antragstellung unterstützen. Da die Angebote bei uns in der Regel an Wohneinrichtung gekoppelt sind, sprechen wir schon beim Aufnahmegespräch mit den Klient:innen und ihren Angehörigen darüber.
Gibt es bei den TSM besonders innovative Ansätze?
Florian Dotzler: Aus meiner Sicht kann das Thema Digitalisierung in Zukunft auch bei tagesstrukturierenden Maßnahmen eine immer größere Rolle spielen – also die digitalen Medien zu einem Teil der Tagesstruktur zu machen. Das bedeutet zum einen, dass die Klient:innen Fähigkeiten im Umgang mit Handy, Tablet, unterschiedlicher Software usw. lernen. Zum anderen heißt das, dass sie lernen, digitale Anwendungen sinnvoll für tagesstrukturierende Maßnahmen einzusetzen – zum Beispiel, dass sie Apps zur Erstellung einer Einkaufsliste oder für andere Aufgaben nutzen.
Innovative Ansätze für TSM entstehen häufig im kreativen Austausch zwischen Klient:innen und Mitarbeitenden. Dabei stehen, wie erwähnt, die Interessen, Fähigkeiten und Wünsche der Klient:innen im Mittelpunkt. Ein Beispiel sind sozialraumorientierte Projekte. So können die Klient:innen gemeinsam in die Stadt gehen und zum Beispiel einen öffentlichen Brunnen zu Ostern festlich gestalten. Solche Aktivitäten fördern nicht nur alltagspraktische Fähigkeiten und soziale Kompetenzen, sie ermöglichen auch eine aktive Teilhabe an der Gemeinschaft. Gleichzeitig entsteht ein Mehrwert für die Öffentlichkeit, da die Klient:innen als gestaltender Teil der Gemeinschaft sichtbar werden. Das kann zu Akzeptanz von Menschen mit Behinderungen und Inklusion beitragen.
Info zur Person
Florian Dotzler arbeitet seit knapp 25 Jahren im sozialen Bereich bei Dr. Loew Soziale Dienstleistungen, derzeit als Leitung Arbeit und Beschäftigung. Er ist Werkstattleiter der Werkstätten für behinderte Menschen und koordiniert die tagesstrukturierenden Maßnahmen im Wohnbereich. Nach seiner Ausbildung als Heilerziehungspfleger hat er zusätzlich ein Studium zum Sozialwirt (FH) abgeschlossen.
Aus der BeWoPlaner-Redaktion
Interview: Christine Amrhein



