Kein Spiel ohne Regeln – warum Inklusion klare Rahmenbedingungen braucht

Auch der Sommer 2026 ist wieder gespickt mit Sport-Großereignissen, allen voran mit der im Juni startenden Fußball-WM der Männer. Wettkämpfe wie diese sind geprägt von klaren Reglements und Spielregeln – nur so funktionieren sie. Das Gleiche muss für eine demokratische Gesellschaft gelten: All ihren Mitgliedern bzw. „Mitspielern“ muss Mitsprache und Teilhabe selbstverständlich möglich sein. Wer an diesem Grundsatz sägt, indem er mit Sparmaßnahmen elementare Regeln zu umgehen droht, setzt gesellschaftlichen Zusammenhalt aufs Spiel.
In diesem Frühsommer 2026 ist die politisch-gesellschaftliche Debatte hierzulande nachhaltig geprägt von leeren Sozialkassen und den offenkundig endlich notwendigerweise einzuleitenden Reformen. Dass die politischen Akteure „Reformen“ dabei in erster Linie mit „Kürzungen“ gleichzusetzen scheinen, statt strukturell etwas grundlegend zu verändern, ist ebenso offenkundig.
Passend hierzu wurde im April publik, dass im Kanzleramt, hinter verschlossenen Türen, an Vorschlägen auch zu Einsparungen in der Eingliederungshilfe und in der Kinder- und Jugendhilfe gearbeitet wird. Dieses interne „Arbeitspapier“ mit dem Titel „Effizienter Ressourceneinsatz bei Leistungsgesetzen“ treibt Fach- und Wohlfahrtsverbände der Sozialwirtschaft seither auf die Barrikaden (siehe Interview unten).
Die Lebenshilfe etwa sieht „einen Angriff auf Menschenrechte und sozialen Zusammenhalt“ und hat mit einer Bundestags-Petition, die bis Mitte Mai bereits 100.000 Menschen unterzeichnet hatten, auf das Spar-Ansinnen der Regierung reagiert. Und in einer Pressemitteilung vom 22. April stellten auch die fünf „Fachverbände für Menschen mit Behinderung“ klar: „Die geplanten Einsparmaßnahmen untergraben damit sowohl die UN-Behindertenrechtskonvention als auch die UN-Kinderrechtskonvention. Teilhabe darf nicht nach Kassenlage gewährt werden – und Effizienz darf nicht zum Gegenbegriff von Menschenwürde werden!“1
Auch der Paritätische, der das interne Arbeitspapier enthüllt hatte, zeigte sich angesichts der Kürzungspläne von Bund, Ländern und Kommunen in einer Mitteilung vom 16. April 2026 entsetzt: „Was hier unter dem harmlosen Titel ‚Effizienter Ressourceneinsatz’ verhandelt wird, ist ein Angriff auf Errungenschaften, die elementar für soziale Teilhabe sind und die über Jahrzehnte erkämpft wurden. Dass solche grundlegenden Leistungen für Kinder, Jugendliche und Menschen mit Behinderungen so radikal gekürzt werden sollen und die Debatte an den Menschen vorbei im Verborgenen geführt wird, ist gleichermaßen skandalös. Hier droht ein Kahlschlag bei Alltagshilfen, mit einschneidenden Folgen für Betroffene und ihre Familien“, erklärte Dr. Joachim Rock, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes.2
Diese Wortmeldungen verdeutlichen: Der Ton ist gesetzt! Maßgebliche Akteure der Behindertenhilfe sind nicht gewillt, die beabsichtigten Kürzungsmaßnahmen hinzunehmen. Denn aus ihrer Sicht würden diese Kürzungen die durch die ratifizierte UN-Behindertenrechtskonvention verbrieften Menschen- und Teilhaberechte von Personen mit Beeinträchtigung hierzulande massiv beschneiden.
Wer nur kürzt, ohne zu reformieren, stellt Menschen vom Platz
Soll eine Gesellschaft fair für alle Beteiligten wie ein Sportereignis funktionieren, so benötigt sie unumstößliche Regeln. Diese können nicht nach Gusto (oder Kassenlage) spontan angepasst werden. Geschieht dies dennoch, verlöre das Sport-Event sofort an Akzeptanz, an Interesse und Relevanz. Vergleichbar verhält es sich mit verbürgten Teilhaberechten für Menschen mit Behinderung. Um Chancengleichheit beim Lernen, beim Wohnen, bei der Arbeit oder aber auch bei der Ausübung von Sport zu erfahren, sind insbesondere Menschen mit körperlicher, geistiger und/oder seelischer Beeinträchtigung elementar darauf angewiesen, dass ihnen zustehende Rechte und gesellschaftliche Mittel jederzeit zur Verfügung stehen. Sie müssen sich auf diese Rechte und Budgets verlassen können – denn ohne sie verlieren sie quasi ihre „Start- oder Spielerlaubnis“ – um im Bild zu bleiben –, und damit die Befähigung, am gesellschaftlichen Miteinander teilzunehmen.
Indem die Wohlfahrts- und Fachverbände mit ihren Kampagnen, Petitionen und Aktionen auf diesen wichtigen Zusammenhang aufmerksam machen und die Einhaltung (insbesondere auch staatlich auskömmlich finanzierter) Standards der Eingliederungshilfe fordern, unterstreichen sie zugleich, was die Tausenden von Einrichtungen in der Behindertenhilfe und ihre Mitarbeitenden ihrerseits tagtäglich an Teilhabe mit ermöglichen. Einige aktuelle Beispiele:
Kein Spiel ohne Regeln: „Einige stürmen voran, andere verteidigen Errungenes“
Nachgehakt bei: Wolfgang Tyrychter, 1. Vorsitzender des Bundesverbands Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie e.V. (CBP)
Menschen ernst nehmen – Teilhabe ermöglichen
Im Mai 2026 etwa hat der evangelische Bundesfachverband für Teilhabe (BeB) gemeinsam mit dem Preisgeldstifter, der Curacon GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, bereits zum achten Mal den „mitMenschPreis“ verliehen. Der Preis würdigt Projekte und Initiativen, die Menschen mit Lernschwierigkeiten, psychischer Erkrankung und/oder hohem Unterstützungsbedarf mehr selbstbestimmte Teilhabe ermöglichen. Gewinnerprojekte in diesem Jahr sind:
- MuT – Migration und Teilhabe: MuT berät und begleitet in Stuttgart Menschen mit Behinderung und Flucht oder Migrationsgeschichte. Durch kultursensible Unterstützung, Behördenbegleitung und Vernetzungsarbeit baut das Projekt Barrieren ab und stärkt Betroffene darin, ihre Rechte zu kennen und selbstbestimmt teilzuhaben.
- Tagespflege der Dachskinder: Einmal im Monat bietet der Verein eine qualifizierte Samstagsbetreuung für bis zu acht Kinder und Jugendliche mit hohem Pflegebedarf. Während die Kinder Gemeinschaft und Teilhabe erleben, erhalten ihre Familien dringend benötigte Entlastung. Ziel ist die Stabilisierung des Familiensystems und die Stärkung aller Beteiligten.
- Mortens Licht — Gemeinsam mit Sport und Balance aus der Dunkelheit: Das Projekt unterstützt Menschen in seelisch belastenden Lebenslagen durch Bewegung, Begegnung und Orientierung. Laufgruppen, Spaziergänge, Workshops und spirituelle Angebote fördern Austausch, Resilienz und einen offenen Umgang mit psychischer Gesundheit und sind fest im kommunalen Leben verankert.3
Das Engagement der Ausgezeichneten würdigte Pfarrer Frank Stefan, Vorsitzender des BeB. „Die ausgezeichneten Projekte setzen genau dort an, wo Unterstützung im Alltag wirklich gebraucht wird. Ob die verlässliche Entlastung von Familien durch die Tagespflege der Dachskinder, die Stärkung seelischer Gesundheit bei Mortens Licht oder die konsequente Brückenarbeit von MuT – Migration und Teilhabe – alle drei zeigen, dass Teilhabe gelingt, wenn man Menschen ernst nimmt und ihre Lebensrealitäten in den Mittelpunkt stellt.“
Eine weitere Spielregel: Fachkräfte auskömmlich finanzieren
Das Engagement der in den Einrichtungen, Werkstätten, Wohnprojekten und Anlaufstellen für Menschen mit Behinderung arbeitenden Fach- und Arbeitskräften rückten im April dieses Jahres auch wieder die fünf Fachverbände gemeinsam mit der Bundesarbeitsgemeinschaft der Ausbildungsstätten für Heilerziehungspflege in Deutschland e.V. (BAG HEP) mit ihrer gemeinsamen Aktionswoche „Ohne Fachkräfte keine Teilhabe“ in den Fokus. Die Aktion betont die unverzichtbare Rolle von Fachkräften in der Eingliederungshilfe und Sozialpsychiatrie. Gleichzeitig machen die Initiatoren mit der Aktion auf den zunehmenden Personalmangel in diesen Bereichen aufmerksam.
Die notwendige – und auskömmlich finanzierte – personelle Ausstattung der Einrichtungen mit Fachkräften ist deshalb ebenso als Leit- oder „Spielregel“ zu betrachten, ohne deren konsequente Einhaltung Teilhabe nach und nach zu versickern droht. Heilerziehungspfleger:innen, Erzieher:innen, Pädagog:innen und andere Fach- und Arbeitskräfte müssen die Arbeitsbedingungen und Arbeitsentgelte zuteilwerden, die ihrem anspruchsvollen beruflichen Tun gerecht werden. Auf einer Online-Bildergalerie zur Aktion wird anhand zahlreicher Beiträge und Beispiele aus der Praxis von Einrichtungen, Trägern und Initiativen deutlich, wie die Fachkräfte und Einrichtungen sich täglich dafür einsetzen, Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigung zu praktizieren.
Auch der Behindertensportverband setzt Akzente
Beim Themencluster Sport-Teilhabe-Gesellschaft darf ein Blick auf das Engagement des seit 1951 in seiner jetzigen Form tätigen Deutschen Behindertensportverbands (DBS) nicht fehlen. Mit Aktionen wie dem von der Bundesregierung geförderten Projekt „Teilhabe VEREINfacht“ macht der Verband deutlich, dass Teilhabe an Sport und Mitgliedschaft in Sportvereinen ein wichtiger gesellschaftlicher Schlüssel für Teilhabe insgesamt ist. Dem Verband geht es auch um sportliche Großereignisse wie den „Paralympics“. Vielmehr geht es ihm aber – insbesondere mit diesem Projekt – um den Aufbau von selbstverständlichem Zugang von Menschen mit Behinderung zu Breitensportangeboten, wie er hierzulande flächendeckend über Sportvereine ermöglicht wird. Doch „nur sieben Prozent der knapp 90.000 Sportvereine bieten Sport für Menschen mit Behinderung an“, stellt der DBS online zum Projekt „Teilhabe VEREINfacht“ fest, wobei doch „fast jeder zehnte Mensch in Deutschland eine Schwerbehinderung“ habe.4
Laut DBS wurde das Projekt 2025 für ein weiteres Jahr verlängert, „da trotz der bislang erfolgreichen Maßnahmen noch vor allem im Kinder-Rehasport Handlungsbedarf besteht und es an Angeboten mangelt“. Gründe hierfür lägen zum einen darin, dass es zu wenige Übungsleitungen gäbe, die sich im Rehasport für die Arbeit mit Kindern ausreichend qualifiziert fühlten. Zum anderen stünden Vereine bei der Mitgliedergewinnung häufig vor Problemen: Kooperationen mit Mediziner:innen fehlten, der Kinder-Rehasport sei in der Gesellschaft wenig bekannt und oft mangele es an Kapazitäten für Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit. Um dem entgegenzuwirken, formuliert der Verband zwei Projektziele: „Zum einen soll eine Informationskampagne für die Ärzteschaft und weitere Multiplikator:innen gestartet werden, die über die positiven Effekte und Potenziale des Kinder-Rehasports aufklärt. Die Intention: Rehasport für Kinder soll öfter verordnet oder empfohlen werden – und zwar dort, wo tatsächlich Bedarf besteht. Zudem soll ein neues Qualifizierungsangebot für den Kinder-Rehasport zur Gewinnung neuer Übungsleitungen beitragen.“
Gesellschaftliches „Regelwerk“ neujustieren
Die genannten Aktionen, Projekte und Petitionen bilden nur einen Ausschnitt dessen ab, was Aktivist:innen derzeit umtreibt. Und sie verdeutlichen: Teilhaberechte stehen in Zeiten klammer Kassen offenbar mehr denn je zur Disposition. Gleichzeitig widersetzen sich Verbände, Träger, Einrichtungen und Selbsthilfe mit Nachdruck dem drohenden Spardiktat.
Milliarden Euro und Dollar werden – zum Teil auch aus öffentlichen Kassen – national und international dafür ausgegeben, dass Sport-Großereignisse stattfinden können. Wenn gleichzeitig über Sparmaßnahmen nachgedacht wird, elementare Rechte der gesellschaftlichen Gruppe von Menschen mit Behinderung finanziell auszuhöhlen, stimmt etwas ganz grundsätzlich mit dem gesellschaftlichen „Regelwerk“ nicht mehr. Eine Neujustierung scheint dringend geboten.
Aus der BeWoPlaner-Redaktion
Text: Darren Klingbeil
Quellenangaben
1 diefachverbaende.de/files/stellungnahmen/260422_KFV_MM_Kahlschlag_im_Sozialwesen.pdf
3 beb-ev.de/pressemitteilungen/8-mitmenschpreis-geht-an-tagespflege-der-dachskinder
Kein Spiel ohne Regeln: „Einige stürmen voran, andere verteidigen Errungenes“
Nachgehakt bei: Wolfgang Tyrychter, 1. Vorsitzender des Bundesverbands Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie e.V. (CBP)

