Kein Spiel ohne Regeln: „Einige stürmen voran, andere verteidigen Errungenes“

Nachgehakt bei: Wolfgang Tyrychter, 1. Vorsitzender des Bundesverbands Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie e.V. (CBP)

Dass gesellschaftliche Spielregeln in puncto Inklusion und Teilhabe heute schon vor Ort greifen, ist für Wolfgang Tyrychter Ausdruck dafür, dass Benachteiligungen von Menschen gezielt kompensiert werden. Jedes „Foul“ gegen diese Spielregeln werde der CBP als Fachverband „unmissverständlich“ pfeifen, kündigt er an.      

Warum kann eine demokratische, offene Gesellschaft wie die unsrige nicht auf den Input und die Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigung verzichten? Warum müssen sie gleichberechtigte „Teammitglieder“ dieser Gesellschaft wie in einer erfolgreichen Sportmannschaft sein?

Wolfgang Tyrychter: Weil die Menschenwürde unantastbar über allem steht, auch über dem Wettbewerbsgedanken. Die Menschenwürde hat jeder Mensch, auch wenn er vom Kopf abwärts gelähmt ist. Und wie gut, in einer Gesellschaft zu leben, die diesen Menschen nach seinem schweren Unfall in der Mannschaft behält – wie er ausnahmslos jedem Mitglied der Gesellschaft potenziell zustoßen kann. Darüber hinaus können Menschen ohne Behinderung unglaublich viel von Mitmenschen mit Behinderung lernen: Geduld, Selbstannahme und „Trotzdem-Lebensfreude“, oder auch die geschickte Kompensation durch den Ausbau von Fähigkeiten und Fertigkeiten.

Worin wird für Sie Inklusion und Teilhabe heute schon sicht- und erlebbar? Welche Positivbeispiele können Sie nennen, dass gesellschaftliche Spielregeln diesbezüglich funktionieren?

Wolfgang Tyrychter: Wenn Bordsteinkanten für Rollstuhlfahrer:innen abgesenkt werden und ebenso für die Mutter mit dem Kinderwagen oder für ältere Menschen mit dem Rollator. Wenn hörende Menschen nicht nur Fremdsprachen erlernen, sondern auch ein paar Gebärden, um hörgeschädigten Mitmenschen eine Nettigkeit sagen zu können. Wenn ein Kind mit Epilepsie die „Schule für alle“ besuchen kann – dann sind das alles Beweise dafür, dass die Gesellschaft vor Ort ihre Bedarfe mitgedacht, ihre Benachteiligungen gezielt kompensiert hat. Weil sie im Bewusstsein lebt: Ihr gehört alle mit dazu.

Wie sorgen die Träger und Einrichtungen der Behindertenhilfe tagtäglich mit dafür, dass wie die im Sport geltenden Spielregeln auch gesellschaftliche Spielregeln (UN-BRK, BGG etc.) in puncto Teilhabe und Inklusion faktisch zum Tragen kommen?

Wolfgang Tyrychter: Die Akteure der Behinderten- bzw. Eingliederungshilfe stehen auf dem Platz. Einige stürmen voran, andere verteidigen Errungenes. Und einige sind Schieds- oder Linienrichter:innen. Sie pfeifen vernehmlich ein „Foul“, so wie kürzlich, als die fünf Fachverbände der Eingliederungshilfe gemeinsam gegen bekanntgewordene sozialpolitische Kahlschlagsideen protestierten.

Aktuell sorgen beabsichtigte Einsparprogramme von Bund, Ländern und Gemeinden in den bereichen der Eingliederungshilfe und Kinder- und Jugendhilfe für viel Aufruhr in der Behinderten- und Selbsthilfe. Welche Gefahr sehen Sie für – um im Bilde zu bleiben – den „Mannschaftsgeist“ einer Gesellschaft, in der einem Teil der Mannschaft aufgrund seiner besonderen Bedarfe droht, durch den politischen Rotstift des Platzes verwiesen zu werden? 

Wolfgang Tyrychter: Denken Sie an die Paralympics oder die Special Olympics: Damit niemand wegen einer Behinderung vom Sport ausgeschlossen wird, braucht es eine solidarische, faire Grundhaltung in unserer so stark auf Wettbewerb getrimmten Gesellschaft. Eine blinde Radrennfahrerin braucht eine sehende Tandempartnerin, dann kann sie sportliche Spitzenleistung bringen. Also sollte ihr diese Assistenz gestellt werden.

Niemand erwartet von Ihnen oder mir, dass wir bei einem Bundesligaspiel Tore schießen. Wenn wir Freude am Fußballspielen haben, sollten wir ein „level playing field“ finden können, einen Verein, in dem wir mit anderen Spieler:innen etwa das gleiche Können aufweisen und so eine faire Chance haben. Solche „level playing fields“ können zum Beispiel besondere Wohnformen oder Werkstätten für Menschen mit Behinderung sein. Hier werden die Bewohner:innen oder Beschäftigten mit Blick auf ihre Bedarfe gefördert und auch gefordert, aber nicht überfordert.

Welche unverbrüchlichen gesellschaftlichen und rechtlichen „Spielregeln“ braucht die Eingliederungshilfe, um diese Inklusionsarbeit im Sinne der Menschen mit Behinderung auch künftig vorantreiben und weiter ausbauen zu können?  

Wolfgang Tyrychter: Es muss selbstverständlich klar sein: Die blinde Radrennfahrerin braucht ihre sehende Assistentin, alles andere ist unfair. Das gilt entsprechend für alle Lebensbereiche. Die wichtigsten Regeln formuliert unser Grundgesetz direkt: Die Würde des Menschen ist unantastbar und niemand darf aufgrund einer Behinderung benachteiligt werden. Jedes Foul gegen diese Regeln wird von uns als Fachverband unmissverständlich ‚gepfiffen‘.

Aus der BeWoPlaner-Redaktion
Interview: Darren Klingbeil

„Kein Spiel ohne Regeln“ – warum Inklusion klare Rahmenbedingungen braucht

Auch der Sommer 2026 ist wieder gespickt mit Sport-Großereignissen, allen voran mit der im Juni startenden Fußball-WM der Männer. Wettkämpfe wie diese sind geprägt von klaren Reglements und Spielregeln – nur so funktionieren sie. Das Gleiche muss für eine demokratische Gesellschaft gelten: All ihren Mitgliedern bzw. „Mitspielern“ muss Mitsprache und Teilhabe selbstverständlich möglich sein. Wer an diesem Grundsatz sägt, indem er mit Sparmaßnahmen elementare Regeln zu umgehen droht, setzt gesellschaftlichen Zusammenhalt aufs Spiel.

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